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Unser heutiges Geld, Teil 4

GeldPosted by Gerhard Bastir 15 Jan, 2010 03:14:48

Obwohl Geld von jedermann im täglichen Leben verwendet wird, ist das Wissen darüber nur begrenzt vorhanden. Stellen Sie Ihrem Gegenüber doch einfach die simple Frage: Was ist Geld. Sie werden erstaunt sein welche Antworten Sie da bekommen werden.

Die meisten Menschen betrachten unser (Papier-) Geld aus einer traditionellen Sichtweise, so wie sie sie als Kinder vermittelt bekamen: Was wir nicht verbrauchen, sparen wir im Sparschwein, tragen es dann auf die Bank, die borgt es dann einer Fabrik, die kauft damit Maschinen, mit denen neue Spielsachen gemacht werden.

Geld ist einfach da. Es liegt in der Geldbörse, in der Ladenkasse oder im Tresor einer Bank. Dort bleibt es liegen bis es vom Kontoinhaber wieder abgeholt oder von der Bank an einen Kreditnehmer verliehen wird. Trotz jahrelanger Gewöhnung an Gehaltskonten und bargeldlosen Zahlungsverkehr wird stillschweigend angenommen, die Kontoführung der Banken gäbe darüber Auskunft wie sich die Menge an Münzen und Banknoten die der Staat irgendwann einmal zur Versorgung der Wirtschaft herstellen ließ und jetzt vorwiegend in den Tresoren der Banken liegt, sich aktuell auf die einzelnen Konteninhaber verteilt.

Tatsächlich ist der Bestand an Bargeld aber nur ein kleiner Teil der sich in Umlauf befindlichen Zahlungsmittel. Laut der Bekanntgabe der Österreichischen Nationalbank betrug der Bargeldumlauf im Euroraum im Oktober 2009 745,2 Mrd EUR, während die gesamte Geldmenge M3 auf 9401,4 Mrd EUR beliefen.

Das entspricht einem Verhältnis von 1 : 12 und bedeutet, daß auf jeden Euro Bargeld weitere 11 Euro dazukommen, die ausschließlich auf dem Papier oder besser gesagt im Buchhaltungsprogramm der Banken stehen. Mit der Zunahme des elektronischen Zahlungsverkehrs und vor allem der Chipkarten wird dieses Verhältnis noch weiter steigen, bis zu dem gedanklichen Experiment, daß eines Tages Scheine und Münzen gänzlich überflüssig werden. Das bedeutet aber auch, daß das Bargeld sobald dessen Gegenwert einem Konto gutgeschrieben wurde vernichtet werden könnte, ohne daß damit „Geld“ verloren ginge.

Nun wollen wir uns dem Thema widmen wie die Geschäftsbanken diese (Giral) Geld schöpfen.

In den vorangegangenen 3 Teilen meiner Betrachtungen habe ich verallgemeinernd über Geld geschrieben, obwohl der Begriff Zahlungsmittel eher angebracht gewesen wäre. Das Thema ist bei näherer Betrachtung so komplex, daß ohne vorherige Begriffsdefinition Missverständnisse vorprogrammiert sind.

Zahlungsmittel = ein Mittel das dazu geeignet ist auf verlässliche Art und Weise Waren und Dienstleistungen zu kaufen/ Verträge zu erfüllen und letztlich Schulden zu begleichen.

Gesetzliches Zahlungsmittel (GZ) = Zahlungsmittel, das durch Gesetz mit einem schuldbefreienden Annahmezwang ausgestattet ist.

Bargeld (BG) = Zahlungsmittel in körperlicher Form, bestehend aus (Scheide-)Münzen und Banknoten

Giralgeld = Forderungen gegen eine Geschäftbank auf gesetzliches Zahlungsmittel. Es handelt sich hierbei um ein Zahlungsmittel, da es vom Publikum als solches verwendet wird, es handelt sich jedoch nicht um gesetzliches Zahlungsmittel.

Zentralbank- Buchgeld = Forderung gegen die Zentralbank auf gesetzliches Zahlungsmittel.

Mindestreserve = jener Teil des Zentralbank- Buchgeldes das bei der Zentralbank hinterlegt werden muss um die Mindestreservevorschriften zu erfüllen

Bankreserve = aus banktechnischen Gründen von Geschäftbanken vorgehaltenes Bargeld und Zentralbank- Buchgeld

Zentralbankgeld = zirkulierendes Bargeld + Zentralbank- Buchgeld

Mindestreserve- Bankwesen (FRB) = Fractional Reserve Banking, die Zulässigkeit mehr Forderungen auf Finanzaktiva zu schreiben, als sich tatsächlich im Eigentum der Geschäftbank befinden

Multiple Geldschöpfung = Theorie der Giralgeldentstehung aus der Volkswirtschaftslehre.

Sichteinlage (SE) = Giralgeld über das täglich verfügt werden kann oder Kündigungsfristen unter 30 Tagen hat.

Geldmenge M1 = besteht aus Sichteinlagen, Zentralbankgeld und Bargeld

Geldmenge M2 = M1 + Einlagen mit Bindungsfrist bis zu 2 Jahren

Geldmenge M3 = M2 + Einlagen aus Repogeschäften, begebene Fondsanteile und begebene Schuldverschreibungen bis 2 Jahre

Geldschöpfung = Unter Geldschöpfung versteht man die Herstellung oder genauer die Inverkehrsetzung von Geld. Das Recht auf Schöpfung von Münzgeld obliegt allein dem Staat, das Recht auf Schöpfung von Banknoten und Notenbankgeld (Giralgeld der Notenbank) obliegt allein der Notenbank, das Recht auf Schöpfung von Giralgeld obliegt den Geschäftsbanken.

Clearing = das Feststellen gegenseitiger Forderungen, Verbindlichkeiten und Lieferverpflichtungen.

Wenn jemand Bargeld bei einer Geschäftsbank einzahlt, wird ihm ein Guthaben eingeräumt. Umgangsprachlich heißt das dann (Sicht-) Einlage. In der offiziellen Bankbilanz, die sich an die "Verordnung über die Rechnungslegung der Kreditinstitute und Finanzdienstleistungsinstitute" ausrichtet, gibt es diese Bezeichnung aber nicht. Das was auf der Passivseite der Bankbilanz als Konsequenz der Einzahlung auftaucht, ist vielmehr eine "Verbindlichkeit gegenüber Kunden". Mit anderen Worten, der Bankkunde übergibt ein gesetzliches Zahlungsmittel an die Bank, die es für sich vereinnahmt und ihm im Gegenzug verspricht es ihm in gleichen Umfang als Giralgeld (kein gesetzliches Zahlungsmittel) zur Verfügung zu stellen oder auf Verlangen später wieder auszuhändigen (falls sie das dann noch kann).

Wenn andererseits jemand einen Kredit aufnimmt, und ihm in der Höhe dieses Kredits ein Sichtguthaben eingeräumt wird, dann wird dieses ganz korrekt ebenfalls als „Verbindlichkeit gegenüber Kunden“ verbucht und wenn man das weiters umgangsprachlich als „Einlage“ bezeichnet, dann ist man bereits im Zentrum des Problems. Es wurde nämlich nichts eingelegt, weder in bar noch per Überweisung. Bei oberflächlicher Betrachtung einer Bankbilanz könnte man zu dem falschen Schluss gelangen, daß erst nach zuvor erfolgten „Einlagen“ entsprechende Kredite gewährt werden können. Dem ist aber nicht so.

Um diesen Vorgang der Geldschöpfung anschaulich zu machen, gründen wir gedanklich gemeinsam schnell eine Bank.

Als Gründer haben wir ein Eigenkapital von €10000 vorgesehen.

Die Eröffnungsbilanz sieht wie folgt aus:

Aktiva |Passiva

------------------------------------------------------

Barreserve .....10000 |Einlagen ..... 0

Forderungen .... 0 |Eigenkapital ..10000

Nun tritt die Österreichische Bundesfinanzierungsagentur an uns heran und benötigt €100000 für eine Zahlung an die EU und bietet dafür eine Staatsanleihe im gleichen Wert.

Es erhebt sich die Frage wie und womit kaufen wir diese Anleihe. Wir werden das Zahlungsmittel Giralgeld verwenden. Es ist gemäß oben stehender Definition eine Forderung auf gesetzliches Zahlungsmittel, welches ihrerseits den Gepflogenheiten folgend, ebenfalls als Zahlungsmittel verwendet werden kann. Diese Forderung wird jetzt verbucht.

Forderungen ... an ... Einlagen 100000.

Wie soll das aber gehen? Wo kommen die Einlagen her?

Ganz einfach: Das "Geld" das hier verliehen wird ist kein Geld und es wird auch nichts verliehen, es wird ein Kredit verbucht.

Das Giralgeld wird durch den Buchungssatz neu geschaffen, Fachleute nennen das Bilanzverlängerung. Es findet also die Schöpfung von Zahlungsmitteln statt, ohne daß vorher etwas eingelegt worden wäre. Es wird ein Schuldschein "monetisiert". Er wird auf der Aktivseite als Forderung der Bank gegen den Schuldner verbucht bei der Buchung entstehen auf der Passivseite sogenannte Einlagen wie wir vorhin schon erwähnt haben. Diese Einlagen stellen eine Forderung gegen die Bank auf gesetzliche Zahlungsmittel dar, welche selbst auch als Zahlungsmittel verwendet werden kann.

Die Bilanz sieht jetzt so aus:

Aktiva |Passiva

--------------------------------------------------------

Barreserve ..... 10000 |Einlagen .....100000

Forderungen ....100000 |Eigenkapital .10000

Das Besondere an dieser Buchung ist, daß im Gegensatz zu anderen Unternehmen Forderungen von Banken gegen sich selbst als Zahlungsmittel verwendet werden.

Wie könnte das 'Zahlen' mit einer Forderung gegen die Bank aussehen? Nehmen wir einmal an, die Österreichische Bundesfinanzierungsagentur möchte eine Zahlungsverpflichtung von der EU in dieser Höhe begleichen. Da sie diese Zahlungsverpflichtung nicht bar begleichen wird, überweist sie €100000 auf ein Konto der EU. Sie nutzt eine Sichtguthaben-Zession 'an Zahlung statt' wie die Fachleute sagen würden. Wir gehen hier davon aus, daß die EU bei unserer Bank ein Konto unterhält.

Es kommt die Zahlungsanweisung und unsere Bilanz sieht so aus:

Aktiva |Passiva

---------------------------------------------------------

Barreserve ..... 10000 |Einlagen .... 100000

Forderungen ....100000 |Eigenkapital . 10000

Die Bilanz hat sich – wie man sieht - nicht geändert, es ist nur eine Buchung innerhalb des Postens Einlagen erfolgt:

Dieser könnte etwa so ausgesehen haben:

Vor der Buchung:

-> Einlagen:

---> Bundesfinanzierungsagentur 100000

---> EU-Konto 0

---> Kunde_2 0

---> Kunde_3 0

---> Kunde_4 0

---> ...

Nach der Buchung:

-> Einlagen:

---> Bundesfinanzierungsagentur 0

---> EU-Konto 100000

---> Kunde_2 0

---> Kunde_3 0

---> Kunde_4 0

---> ...

Um die Sache noch weiter zu spielen, nehmen wir an, daß die EU ihr "Guthaben" bar beheben möchte.

Da unsere Bank aber nur über €10000 Barreserven verfügt, müssen wir uns das Geld selbst erst beschaffen. Zum Glück haben wir ja notenbankfähige Wertpapiere von der Bundesfinanzierungsagentur gekauft (die Staatsanleihe). Diese Papiere werden wir bei der Zentralbank hinterlegen und uns "refinanzieren".

Nach der Abwicklung eines sogenannten Wertpapierpensionsgeschäftes in der Höhe von €95000 sieht unsere Bilanz wie folgt aus:

Aktiva |Passiva

-------------------------------------------------------

Barreserve .....105000 |Einlagen .... 100000

Forderungen .... 5000 |Eigenkapital . 10000

Wir erfüllen den Auszahlungswunsch und buchen nach der Auszahlung wie folgt:

Aktiva |Passiva

--------------------------------------------------------

Barreserve ..... 5000 |Einlagen .... 0

Forderungen ....5000 |Eigenkapital .... 10000

Dieser Fall (kompletter Verlust von ZB-Geld in Höhe der Sichteinlage) ist zwar nicht wünschenswert, aber da wir vorerst keinen weiteren Kunden haben, nehmen wir das in Kauf (einen sogenannten "Bank Run" haben wir ja nicht zu befürchten). Es ist allerdings auch unwahrscheinlich, dass immer innerhalb der eigenen Bilanz überwiesen wird.

Da die Bedeutung von Münzgeld immer mehr abnimmt und die Bedeutung von Giralgeld immer mehr zunimmt, verlagert sich das Recht auf Geldschöpfung in immer stärkerem Maße vom Staat über die staatlich kontrollierten Notenbanken zu den privaten Geschäftsbanken. Die Geldschöpfung durch die Notenbank erfolgt dadurch, daß die Notenbank Banknoten druckt (oder Girokonten für Notenbankgeld eröffnet) und dieses Geld gegen Hinterlegung von Wertpapieren an Banken verleiht. Banken müssen dafür Zinsen bezahlen; Notenbankgeld entsteht also durch Verschuldung. Giralgeld bei den Geschäftsbanken wird neu geschöpft, wenn Kunden einen Kredit aufnehmen und sich diesen Geldbetrag nicht bar auszahlen lassen, sondern als Anspruch auf Bargeld am Girokonto eintragen lassen. In diesem Sinne müssen Zinsen auch für neugeschaffenes Giralgeld bezahlt werden. Giralgeld entsteht also ebenfalls durch Verschuldung.

Kurz zusammengefasst: keine Schulden --> kein Geld.

Die ernüchternde Erkenntnis in unserem derzeitigen Finanzsystem können die Schulden gar nicht mehr zurückgezahlt werden:

Erstens weil nur Bargeld und Sichtguthaben zur Tilgung von Schulden verwendet werden könnten und davon weniger vorhanden sind als die Gesamtverschuldung und

zweitens weil bei Tilgung aller Schulden auch kein Geld mehr für die Aufrechterhaltung der Wirtschaft zur Verfügung stünde.

Der grundsätzliche Fehler bei der Betrachtung von Verschuldung ist, keine Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Verschuldung zu machen.

Was bei einer privaten Verschuldung durchaus Sinn macht, wäre bei einer öffentlichen kontraproduktiv.

Was passieren würde wenn man versuchen würde den öffentlichen Schuldenstand abzubauen ist hier zu lesen. Auch die Amerikaner haben das bereits erkannt, wie hier zu lesen ist.

Wenn also Politiker eine Reduzierung der Staaatverschuldung propagieren, haben entweder keine Ahnung wie unser aktuelles Geldsystem funktioniert, handeln entweder rein populistisch oder nach einer versteckten Agenda.


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