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Wie funktioniert unser Geld? MMT erklärt es, Teil 6

GeldPosted by Gerhard Bastir 14 May, 2010 02:13:43
MMT (Modern monetary theory) wurde von Professor Bill Mitchell, Research Professor in Economics und Direktor des Centre of Full Employment and Equity , an der Universität von Newcastle, NSW Australia entwickelt und setzt auf dem Prinzip von Functional Finance von Abba Lerner auf.

Das folgende Diagramm stellt den Zusammenhang zwischen öffentlichem und nicht öffentlichen Sektor eines unabhängigen Staates mit eigener Währung dar.

Die vertikale Darstellung des Zusammenwirkens des öffentlichen und nicht öffentlichen Sektors erleichtert das Verständnis über das Zusammenwirken von Beständen und Strömen.

Eine Variable im Bereich Ströme wäre z. B €100 Ausgaben pro Quartal. Eine Variable im Bereich Bestände wäre z. B. die Arbeitslosenrate; sie hat keine zeitliche Dimension und kann nur für einen bestimmten Zeitpunkt gelten. Ströme versorgen somit Bestände und ein makroökonomisches Modell muss sicherstellen, daß alle Ströme das es spezifiziert, Bestände entweder erhöht oder vermindert.

Obwohl Zentralbank und Treasury (Bundesfinanzierungsagentur) getrennt ausgewiesen sind - um ihre Unabhängigkeit zu signalisieren - ist dies für das Verständnis für das Währungssystem nicht von Bedeutung. Sie beide als Einheit (Staat) bestimmen den Strom an Finanzvermögen (ausgedrückt in Papiergeld) das in die und aus der Wirtschaft fließt.

Nur Aktionen des Staates (Ausgaben und Steuereinnahmen ) können Überschüsse (Auflösung von Finanzvermögen) oder Defizite (Schaffen von Finanzvermögen) verursachen, währenddessen Zentralbankaktionen zumeist eine Verschiebung von nicht öffentlichen Finanzvermögen zwischen Bankreserven und Staatsanleihen (Offenmarktpolitik) ergeben (Ausnahmen hievon sind Devisengeschäfte mit dem Ausland und eigene Betriebsausgaben). Auch Geschäfte zwischen Zentralbank und Treasury haben keine Auswirkung auf die Finanzströme zwischen öffentlichen und nicht öffentlichen Sektor. Um die Sache weiter zu vereinfachen, kann man das Diagramm unterhalb des Kästchens des nicht öffentlichen Sektors abschneiden, ohne das Verständnis für den Zusammenhang zu beeinträchtigen, da privater Sektor und ausländischer Sektor zum nichtöffentlichen Sektor zusammengefasst werden können. Auf den Punkt gebracht heißt das, alle (horizontalen) Transaktionen zwischen Organen und Anstalten des nichtöffentlichen Sektors ergeben in Summe Null, da einer Forderung immer eine Verbindlichkeit gleicher Höhe gegenübersteht.

Nur (vertikale) Transaktionen zwischen Staat und nichtöffentlichem Sektor können Finanzvermögen schaffen oder auflösen. Dieses Grundverständnis ist erforderlich um zu Erkennen dass nur diese vertikalen Transaktionen für die Beschäftigungsrate maßgeblich sind.

Arbeitslosigkeit in unserem heutigen Währungssystem ist immer eine politische Entscheidung. Der Staat hat die Fähigkeit für Vollbeschäftigung zu sorgen, indem er die Nettoausgaben so anpasst,dass sie den jeweiligen Sparwillen des nicht öffentlichen Sektors ausgleicht.

Nur zur Klarstellung, das gilt für ein System mit:

  • Flexiblen Wechselkursen welches die Währungspolitik von der Notwendigkeit Fremdwährungsreserven zu verteidigen freistellt
  • Papiergeld das Zahlungsmittel für Waren und Dienstleistungen ist. Geld das in nichts anderes als in sich selbst und vom Staat legal nicht in Gold (wie zur Zeit des Goldstandards) eingetauscht wird.
  • Der Staat das exklusive Recht auf Ausstellung seines nationalen Zahlungsmittels hat.
  • Ein Steuersystem das die Funktionsfähigkeit dieses Zahlungsmittels dadurch sicherstellt, dass nur damit Steuerverpflichtungen und andere Abgaben schuldbefreiend ausgeglichen werden können.

Es gilt nicht für die Staaten die an der Europäischen Währungsunion teilnehmen und daher ihre nationale Souveränität über die eigene Währung an die EZB mit ihren pro zyklischen Spielregeln abgetreten haben (Näheres dazu im nächsten Blog).

Um das System zu veranschaulichen versuchen wir uns am Beispiel eines privaten Haushalts:

Monat 1 (keine Ersparnisse)

Ich entscheide, bei meinen Kindern den Arbeitsethos zu fördern und eröffnen Ihnen:

Hallo Kinder in unserm Haus gibt es eine Menge zu tun und ihr könnt euch daran beteiligen. Dafür bekommt ihr von mir für jede Arbeitseinheit eine Visitenkarte.

Sie sind nicht begeistert.

Warum sollten wir für deine wertlosen Visitenkarten arbeiten?

Gelassen sage ich zu ihnen:

Jedes Kind, dass in meinem Haus leben und essen will, zahlt mir für dieses Privileg am Monatsende, sagen wir, 600 Visitenkarten.

Die Kinder sind einverstanden.

Wann sollen wir beginnen?

Indem ich die Kinder dazu veranlasse meine Visitenkarten zu verwenden um eine „Steuerpflicht“ zu erfüllen, haben sie sofort einen Wert erhalten und Ressourcen (Arbeitsstunden) werden von den Kindern (der nichtöffentliche Sektor) zu mir (dem öffentlichen Sektor ) übertragen.

Woher kommen diese Visitenkarten? Da wir ein Heimnetzwerk haben und alle Kinder ihren eigenen Computer, machen wir das elektronisch. Alle Visitenkartentransaktionen werden auf einem für alle zugänglichen zentralen Excelsheet aufgezeichnet. Für geleistet Arbeit wird eine Visitenkarte kreiert und durch Bezahlen der Steuer wieder vernichtet, alles durch Tastaturklick in einer Zelle des Arbeitsblattes.

Die Grafik zeigt das Arbeitsblatt nach Monat 1

Was haben wir gelernt?

  • Solange keine Ausgaben gemacht werden können keine Steuern bezahlt werden
  • Steuern schaffen den Bedarf für Staatsausgaben in Papiergeld (nicht um einen Ertrag zu schaffen).
  • Ein ausgeglichenes Budget ist vom Anbeginn das Minimum das an Karten ausgegeben werden kann ohne eine Deflation zu erzeugen.
  • Ein ausgeglichenes Budget ermöglicht keine Ersparnisse und keine Ansammlung von Finanzvermögen.

Monat 2 - privates Sparen

Die Kinder wollen nicht nur wohnen und essen, sondern auf einen Urlaub ansparen und auch untereinander Geschäfte machen um z.B. Arbeitsverpflichtungen zu tauschen.

Welche Notwendigkeit ergibt sich daraus? Es ist klar, dass der Wunsch der Kinder zu sparen, bei mir mehr Ausgaben erfordert. Sie können nur dann sparen, wenn ich mehr Karten ausgebe als ich von ihnen an Steuern verlange. Die Grafik zeigt, dass der Wunsch die Aktivitäten um 200 Karten pro Monat zu steigern Mehrarbeit erfordert und es den Kindern ermöglicht diese 200 Karten zu sparen.

Was lernen wir wieder?

  • Öffentliche Defizite ermöglichen dem privaten Sektor (Karten) zu sparen und Finanzvermögen anzuhäufen.
  • Die angehäuften Finanzvermögen ist der private Wohlstand und entspricht 1 zu 1 den angehäuften Defiziten.
Monat 3 - eine öffentliche Schuldurkunde wird erzeugt

Die Ersparnisse des letzten Monats von 200 Karten sind in der Zelle des Arbeitsblattes eingetragen und die Kinder haben aber keinen Nutzen aus dem Verzicht auf Konsum (es werden keine Zinsen erwirtschaftet). Die gesparten Karten stellen „Geldbestände“ dar, die den Kindern erlauben in der Zukunft weniger zu arbeiten, aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt verzinsen sie sich nicht. Man könnte sagen es gibt überschüssige Liquidität (gesparte Karten) im System und die Rendite ist null (0% Zinsen).

Die Kinder könnten versuchen die Überschüsse einander zu verleihen, aber der Wettbewerb würde den Zinssatz auf 0 halten weil sie in Summe die überschüssigen Reserven, die aus meinen Ausgaben (defizit spending) stammen, nicht eliminieren können.

Um das Sparen zu belohnen (und um die Kinder für die reale Welt vorzubereiten) eröffne ich den Kindern:

Ich biete euch für alle nicht konsumierten Karten 10% pro Monat zu zahlen (zahlbar wieder in Karten).

Die Kinder erkennen den Nutzen und alle Karten, die nicht für Steuern undTransaktionen untereinander benötigt werden, kommen auf ein von mir neu geschaffenes Konto: Schuldverschreibungen.

Die Kinder tauschen die nicht zinsenbringenden Karten gegen Schuldverschreibungen mit 10% Zinsen. Für mich stellt das ein „Zurückborgen“ der bereits ausgegebenen Karten dar und ich übergebe ihnen im Gegenzug eine Schuldverschreibung. Aus Umweltschutzgründen verzichten wir auf eine Urkunde und wir verbuchen sie in dem Arbeitsblatt mit sofortiger Fälligkeit (das heißt sie können jederzeit wieder in Karten getauscht werden).

Die Visitenkarten Konten werden zur „Staatschuld des Haushalts“ und sind Verpflichtungen von mir gegen meine Kinder. Jederzeit können sie von mir verlangen die Karten wieder auf unverzinsliche Sparkonten zu übertragen. Ein paar Klicks auf der Tastatur und ihre Wünsche sind erfüllt.

Gelernt haben wir:

· Die gesammelten Staatsdefizite sind die gesammelten Sparguthaben

· Sie stellen die gesammelten Finanzanlagen dar (aufgeteilt auf Karten und Schuldverschreibungen)

· Ohne Ausgabe von Schuldverschreibungen wäre der Zinssatz null, außer es werden auch Zinsen auf Sparguthaben bezahlt.

· Die Ausgabe von Schuldverschreibungen hat nichts mit der „Finanzierung“ meiner Visitenkartenausgaben zu tun.

· Ich borge nur Karten zurück die ich vorher bereits ausgegeben habe.

Monat 4 – die Invasion der Neo-Liberalen.

Ich lese Nachrichten und höre Radio und bekomme einen Schreck. Die Defizite die ich in den 3 Monaten angesammelt habe müssen- wie ich höre - reduziert werden .

Die Literatur sagt mir, dass ich höhere Zinsen auf meine Schulden zu zahlen haben werde; Inflation würde entstehen und steigen, die Schulden würden meinen Handlungsspielraum verringern weil die Steuern erhöht werden müssen.

Ich brauche daher ein Ausstiegsszenario.

Ich schraube meine Ausgaben zurück, biete nur mehr Arbeit für 500 Karten an und muss im Monat 4 40 Karten an Zinsen für meine Schuldverschreibungen zahlen. Es ist klar, dass die Zinszahlungen meine Ausgaben beeinträchtigen, da ich ja das Budget in Überschuss bringen muss. Der Sparplan bringt mir einen gepflegten Überschuss von 60 Karten; das Einkommen der Kinder ist nur mehr 540 Karten (500 Karten für Arbeit und 40 Karten für Zinseinkünfte), aber sie müssen immer noch 600 Karten „Steuer“ zahlen. Woher sollen die jetzt kommen? Sie verkaufen Schuldverschreibungen im Wert von 60 Karten um ihren Verpflichtungen nachzukommen.

Ich reduziere mein Staatsschuld um 60 und freue mich weil ich den neo-liberalen Plan genau erfülle. Die Kinder sind aber um 60 Karten ärmer.

Was lernen wir wieder?

· Budgetüberschüssen verringern den Wohlstand im privaten Sektor durch Auflösung von Sparguthaben zur Deckung von Steuerverpflichtungen.

· Budgetüberschüsse zerstören privaten Wohlstand.

Monat 5 – Wohlstand sinkt.

Aus neo-liberaler Sicht ist meine Strategie vorbildlich. Ich erzeuge Überschüsse, verringere meine Verschuldung und „lebe nicht mehr länger über meine Verhältnisse“.

Was ich nicht beachte ist, dass der Wohlstand der Kinder vernichtet wird und dass sie nicht mehr soviel arbeiten dürfen wie sie möchten. Manche Kommentatoren sprechen vielleicht von faulen Kindern oder von Kindern die eben jetzt mehr ihre Freizeit schätzen.

Was ich auch nicht beachte, ist der Umstand, dass die Kinder die vorher nicht die Chance hatten zu sparen von anderen Kindern borgen müssen und in die Verschuldung gezwungen werden.

Im Monat 5 werde ich auch durch Veröffentlichungen der EZB, des IWF und der Weltbank bestärkt, höre vom verschwenderischen Umgang der Griechischen Regierung und vergesse dass mein Land nicht der EWU angehört und ich ausgeben kann soviel ich will, ohne jeden Einnahmenzwang, da ich ja das Monopol auf meine eigene Währung habe.

Jedenfalls, bestärkt durch meine neuen Erfahrungen, entscheide ich mein Schulden komplett zu beseitigen. Ich erhöhe meine Sparmaßnahmen und vergebe nur mehr Arbeit für 405 Karten, meine Zinszahlungen sind auch nur mehr 34 Karten, so dass ich einen Überschuss von 161 Karten vorzeigen kann.

Meine Kinder verdienen nur mehr 439 Karten (405 für Arbeit , 34 für Zinsen) müssen aber immer noch 600 Karten an Steuern zahlen. Sie verringern ihre Sparguthaben um weitere 161 Karten also genau um meinen Überschuss, aber das übersehe ich einfach.

Was wir jetzt schon wieder gelernt haben?:

· Die Verringerung der Staatschuld reduziert systematisch die Beschäftigungsmöglichkeit der Kinder. Es wird nicht nur die reduziert, sondern bringt sie auch noch um die Zinseinkünfte ihrer Guthaben.

· Budgetüberschüsse zerstören Wohlstand

· Manche Kinder werden sich verstärkt verschulden müssen.

Monat 6 Bankrotterklärung

Die Haushaltssanierung geht weiter. Ich reduziere meine Ausgaben auf 418 Karten und halbiere meine Zinszahlungen. Die Steuern bleiben bei 600 Karten.

Ich habe nunmehr einen wundervollen Überschuss von 182 Karten.

Die Kinder müssen ihre Ersparnisse um 182 Karten verringern, haben aber nur mehr 179 davon. Sie sind technisch bankrott (3 Karten Überschuldung).

Ich versammle sie um den Tisch und sage Ihnen wie schön es ist keine Schulden mehr zu haben. Sie schauen mich misstrauisch an, minderbeschäftigt und zahlungsunfähig.

Wir haben wieder etwas gelernt:

· Die Summe der gesammelten Budgets entsprechen den gesammelten Ersparnissen des ncht öffentlichen Sektors.

· Budgetüberschüsse zwingen den privaten Sektor Sparguthaben aufzulösen und Wohlstand wird vernichtet.

· Eine gewisse Zeit waren die Kinder in der Lage voneinander zu borgen um ihre Steuerzahlungen leisten zu können. Die letzten 3 Monate verursachten eine Rezession, steigende Arbeitslosigkeit und letztendlich Massenkonkurse im privaten Sektor.

Diese Bestands- Strom Buchhaltung ist eindeutig und auch die Einführung von Inflation ändert nicht Grundlegendes an den Zusammenhängen. Man kann der Konsequenz nicht entkommen, dass ein Staatsdefizit zum Aufbau von Vermögen im privaten Bereich führt und ein Budgetüberschuss den gegenteiligen Effekt hat.

Die Tatsache dass die Summe der Nachfrage immer gleich der Summe der Einkommen entsprechen muss lässt sich wie folgt darstellen:

(G-T) = (S-I) –NX

wobei die linke Seite das Staatsbudget (Ausgaben – Steuereinnahmen) und die rechte Seite den privaten Sektor darstellt einschließlich des Auslandsanteil (Sparen - Investition – Nettoexport). Mit anderen Worten, die Sparleistung ist identisch mit der Summe aus privaten Investitionen und dem Budgetdefizit. In einer geschlossenen Volkswirtschaft (NX = 0) entspricht das Defizit 1 zu 1 dem privaten Sparen. In einer offenen Wirtschaft, bei getrennter Betrachtung des nicht öffentlichen Sektors in in- und ausländischen Anteil, entspricht das private Sparen der Summe aus privaten Investitionen, dem Staatsbudgetdefizit und den Nettoexporten die ihrerseits wieder auf Ersparnissen der Ausländer beruhen.

Wenn es das Ziel ist, die privaten Sparleistung zu erhöhen, und die Nettoexporte im Defizit wären, müssen die Steuern kleiner werden als die Staatsausgaben, also ein Budgetdefizit (G > T).

Wie ein Programm zur Vollbeschäftigung aussehen könnte, wird von Randall Wray, Professor of Economics hier anschaulich beschrieben und so könnte es angekündigt werden.






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